4. Äußere sichtbare und fühlbare Veränderungen

Von außen sichtbare Details lassen auf den Huf-Zustand schließen

Für den geschulten, aufmerksamen Beobachter zeigen sich am Huf von außen viele Details, die auf den Gesamtzustand des Hufes schließen lassen.

In vielen Fällen ist zu Beginn der akuten Erkrankung noch nicht richtig klar, ob das betreffende Tier wirklich an Hufrehe erkrankt ist, da außer meist unklarem, verkürztem Gangbild kaum typische Lahmheitserscheinungen auftreten.

Die Pulsation der Mittelfuß Arterie ist ein recht sicheres Zeichen für eine Entzündung in der Gliedmaßenzehe, mehr Aussagekraft besitzt sie nicht.
Bei Hufrehe ergibt sich meist ein sehr typisches Temperaturverteilungsmuster am Huf: Der gesamte Kronsaum ist sehr warm, die Zehenplatte nach unten hin eher kühl bis kalt. In den Seitenwandbereichen ist eine im Vergleich zur Zehenplatte deutlich fühlbare, zungenförmige Erwärmung festzustellen.

Temperaturverteilung am vorakuten Rehehuf

Diese typische Temperaturverteilung am Huf schon vor Auftreten der ersten sichtbaren Lahmheitssymptomatik kann bereits ein recht sicheres Indiz für eine mögliche Reheerkrankung sein, dies hängt jedoch unter anderem davon ab, ob es sich um eine Ersterkrankung handelt. Denn dieses Muster ist auch am chronischen Rehehuf mit lamellärem Keil, beispielsweise nach Belastung feststellbar, ohne dass es sich um eine erneute akute Entzündung handeln muss.
Handelt es sich um eine Ersterkrankung und ist noch keine akute Lahmheit sichtbar, ist es sinnvoll, tierärztlicherseits sofort eine Kryotherapie mit Trachtenhochstellung und Unterpolsterung des Hufes (beim noch nicht geschädigten Huf hilft diese Maßnahme, kurzfristig eingesetzt, durchaus!) einzuleiten, da sich erwiesen hat, dass dadurch der Ausbruch der Krankheit und die damit einhergehende Schädigung des Hufbeinträgers in den meisten Fällen noch vermieden werden kann. Steht kein Tierarzt mit entsprechenden Geräten zur Verfügung, kann man sich auch mit Eisbeuteln oder ähnlichem behelfen.
Es ist wichtig, diese Therapie über einen ausreichend langen Zeitraum (min. 48h) anzuwenden, um diesen Effekt zu erzielen.

Besteht bereits eine Lahmheit, ist davon auszugehen, dass auch bereits der Hufbeinträger geschädigt ist. Hier kann der Sinn der beschriebenen Maßnahmen, je nach Dauer der Erkrankung, in Frage gestellt werden…

Am akut betroffenen Rehehuf zeigen sich nach kurzer Zeit im noch weichen Horn des Kronsaumes erste Zeichen für die Positionsveränderung des Hufbeins als Eindellung oder Einsenkung. Je nach Ausbreitungsgrad der Schädigung ist diese Veränderung nur im vorderen oder auch im seitlichen Bereich der Krone fühlbar / sichtbar.

Bei sehr gravierenden Reheerkrankungen kann es zum Ausschuhen kommen.

Die Anzeichen hierfür sind ähnlich wie bei einer überbreiten Hornkluft, also ein zunächst nur minimal hoher Querspalt im Wandhorn direkt am Übergang in das weiche Saumgewebe.

Vormaliges Teilausschuhen, oberhalb der Kluft wird bereits wieder “normales” Wandhorn nachgeschoben

Im Unterschied zur normalen Kluft ist der Saum darüber jedoch eingesunken, man kann zwischen Saumband und Kronhorn nach innen sondieren…
Nachdem die Ursache für das Ausschuhen in einer kompletten Unterbrechung der Blutversorgung des hornproduzierenden Saumes liegt, sollte hier auch sofort mit entsprechenden Maßnahmen (orthopädisch: Unterpolsterung der Hufsohle, Schweben des kompletten Tragerandes! s.u.) versucht werden, den Blutfluss wieder in Gang zu bringen!

Am Wandhorn des Rehehufes zeigen sich im chronischen Verlauf die schädigungstypischen Merkmale:

Bei Rotationen des Hufbeins / der Hornkapsel klassischerweise divergierende Ringe, die im Zehenwandbereich sehr geringe, zum Trachtenbereich hin weiter werdende Abstände aufweisen.

Die beiden Markierungen zeigen den Wachstumsunterschied Zehe – Trachte

Jedoch ist nicht jeder „divergierende“ Ring auch ein hundertprozentiges Anzeichen für eine vorangegangene Reheerkrankung, denn diese Ringe deuten zunächst lediglich auf eine unterschiedliche Wachstumsrate der einzelnen Wandabschnitte hin.
Dies ist oft beim ungenügend orthopädisch versorgten Rehehuf der Fall, kann aber auch bei stark fehlgestellten Hufen mit rein mechanisch bedingt unterschiedlichen Wachstumsraten von Zehe und Trachte auftreten.
Im weiteren Verlauf der chronischen Erkrankung zeigt sich bei Rotationen ein Knick in der Zehenwand, oberhalb dieses Knicks verläuft das Wandhorn steiler als unterhalb.
Der obere Winkel zeigt in etwa den Verlauf der Hufwand an, der auch unterhalb des Knicks vom Hufbearbeiter angeraspelt werden muss, um die Parallelität zwischen Hornwand und Hufbein wiederherzustellen.

Der Rotationsknick befindet sich hier noch direkt unterhalb des Saumes

Senkungen des Hufbeins sind an Stufen erkennbar, die sich mehr oder weniger um den gesamten Huf ziehen. Hier erscheint die Hornkapsel oberhalb der jeweiligen Stufe als kompakter, kleiner als der Rest des Hufes unterhalb.

Obwohl die Wand bereits stark beraspelt wurde, ist die Stufe noch erkennbar

Und auch hier zeigt wieder der Wandverlauf oberhalb der Stufe an, wie unterhalb der Stufe geraspelt werden sollte.
Besteht eine medio-laterale Fehlstellung,  muss diese in die Überlegungen zur Bearbeitung mit einbezogen werden.

Oft zeigt sich mit der Reheerkrankung am Saum oben eine rauhe bis borkige Saumhornstruktur, die sich im Verlauf der Gesundung wieder normalisiert.
Ist dies noch nicht der Fall, kann davon ausgegangen werden, dass, auch wenn der Huf bereits relativ normal nachwachsen sollte, immer noch Irritationen im Saumband vorhanden sind, die auf eine noch nicht korrekte Belastungssituation der Hornkapsel schließen lassen.
Insofern kann dieses Phänomen zumindest dabei helfen zu erkennen, wie belastbar der Huf bereits wieder ist…

Rehebedingte Irritation im Saumbereich

Der lamelläre Keil des Rehe Hufes mit Rotation ist, abhängig vom Schweregrad der Erkrankung, relativ schnell nach der akuten Phase erkennbar.

lamellärer Keil am Rehehuf

Jedoch ist auch hier zu unterscheiden zwischen einem echten Rehekeil und einer lediglich gezerrten weißen Linie, beispielsweise bei länger dauernder mangelhafter Hufpflege mit verbogener Zehenwand.

Während im lamellären Keil des Rehehufes meist sehr viele Hohlräume, teils noch leicht rötlich eingefärbt vom Austritt des Exsudates und weit aufgerissene Verbindungsstrukturen zur Lederhautseite hin zu erkennen sind, beschränkt sich die Zerrung der weißen Linie beim ansonsten gesunden Huf vor allem auf mehr oder weniger starken Fäulebefall und weniger stark sichtbare Zerreißungen.

Die Verbreiterung der weißen Linie beim Rehehuf mit Hufbeinsenkung ist meist sehr viel weniger auffällig und zeigt sich auch oft erst nach relativ langer Zeit, da hier der Abstand zwischen Hufbeinrücken und Hornwand im geschädigten Bereich weniger stark vergrößert ist als bei der Rotation. Sie zeigt sich jedoch nahezu um den gesamten Umfang.

Rotiert oder sinkt das Hufbein weit genug ab, zeigt sich diese Veränderung auch an der Hufsohle, sie verliert ihre normale Wölbung nach oben, wird zunächst flach und wölbt sich dann nach unten durch.

Wurde ein Rehehuf über einen längeren Zeitraum falsch bearbeitet, indem die Zehenwand nicht hoch genug parallel beraspelt wurde, bildet sich der bekannte Knollhuf aus. Er besteht aus dem nach vorne wegdriftenden oberen Wandbereich, der nach unten zu korrigiert wurde.

Reheknollhuf durch mangelnde Bearbeitung, im oberen Bereich bereits zurückgeführt

Wurde ein Rehehuf überhaupt nicht bearbeitet, bildet sich im chronischen Verlauf ein sogenannter „Türkenschuh“, die Zehenwand schnabelt nach vorne oben weg, die Trachten werden soweit mit nach vorne gezogen, dass das Tier nunmehr nicht mehr auf dem Tragerand läuft, sondern nahezu ausschließlich auf den Trachtenwänden. Die Sohle ist am stehenden Huf von vorne sichtbar.

Rehehuf mit überlangen Trachten
“Sohlenansicht”

Hier ist kurz anzumerken, dass, obwohl der Huf viel zu flach aussieht, es dennoch neben der Resektion der Zehenwand immens wichtig ist, auch die Trachten stark einzukürzen.
Denn ansonsten wird diese krankhafte Stellung des Hufes trotz eingekürzter Zehe weiterhin bestehen bleiben.

Der Huf nach der ersten Korrektur