3. Röntgenbilder des Rehehufes und ihre Interpretation

Weshalb überhaupt Röntgenbilder?

„Ich sehe alles, was ich zur Rehehufbearbeitung benötige, auch außen am Huf!“

Diese Aussage mancher Fachleute mag in bestimmten Situationen zutreffen, in wenigen Fällen kann eine Röntgenaufnahme sogar eher in die Irre führen.
Wenn beispielsweise eine minimale Absenkung des Hufbeins ohne Rotation stattgefunden hat, ist dies oft röntgenologisch nicht zu erkennen, hier muss sich der Fachmann am Aussenbild des Hufes und an eventuell vorhandener Symptomatik orientieren.
Nachdem der Huf aber auf jede Art der Bearbeitung spezifisch reagiert, kann es im Verlauf der Behandlung auch zu Fehlinterpretationen des Istzustandes kommen, während sich die Lage im Huf, zunächst noch symptomfrei, schleichend verschlechtert.
Man sollte sich also nicht alleine auf die eigene Wahrnehmung des Hufes von aussen verlassen, es ist enorm wichtig, diese subjektive Wahrnehmung immer wieder auch objektiv zu überprüfen.

Die folgenden Abbildung zeigen die röntgenologische Entwicklung eines Hufes über den Zeitraum von 6 Monaten, während dessen keine weiteren Aufnahmen gefertigt wurden, da sich der Hufbearbeiter sicher war, alles richtig zu machen. Es kam während dieses Zeitraumes auch noch nicht zu einer Verschlechterung der Symptomatik…

Aufnahme zu Beginn der Behandlung
Selber Huf nach 6 Monaten “unkontrollierter” Hufbehandlung

Wie sieht das richtige Röntgenbild aus?

 

Eine Interpretation dieser Aufnahme ist eher nicht möglich

Es ist wichtig, als Pferdebesitzer zu wissen, was bei einer für die orthopädische Behandlung des Rehehufes erstellten Röntgenaufnahme zu beachten ist, um sicher interpretierbare Röntgenbilder zu erhalten, nach denen der Huffachmann die praktische Arbeit am Huf ausrichten kann.

Hier fehlt nur die Markierung des Kronsaumes

Dazu gehört selbstverständlich die Kennzeichnung der jeweiligen Gliedmaße (vorne – hinten, links – rechts), insbesondere aber auch strahlungsundurchlässige Markierungen, die es uns erlauben, die genaue Position des Hufbeins auch von aussen am Huf feststellen zu können.

Solche Markierungen sind bei Aufnahmen mit digitalen Röntgengeräten oft nicht mehr unbedingt nötig, da sie sehr kontrastreich und exakt sowohl die Außenkontur des Hufes als auch sein Innenleben, also die knöchernen Bestandteile zeigen, bei analogen Aufnahmen sind sie jedoch unverzichtbar.

Wo am ehesten noch die Zehenwand des Hufes markiert wird, fehlt leider sehr oft die Bestimmung der echten Sohlenstärke und in den meisten Fällen die Kenntlichmachung der genauen Position des Hufbeins zum Kronsaum.

Die Marker sollten eine Stärke von mindestens 0,5mm haben, so sind sie in der Regel gut sichtbar.

Die Zehenwand wird am besten ab dem Punkt am Kronsaum, wo die behaarte Oberhaut in den verhornten Saum übergeht, mit einem Stück Draht, einer Kanüle o.ä. markiert.

Wichtig ist hierbei, dass diese Markierung genau mittig auf der Zehenwand verläuft, sinnvoll ist es, dessen Länge festzuhalten, um die genauen Masse am Huf auch im Nachhinein noch eruieren zu können.

Die Sohlenstärke kann gut festgestellt werden, indem beispielsweise ein auf halbe Länge abgezwickter Reißnagel in die Strahlspitze gesteckt wird.

Ist die betreffende Gliedmaße medio – lateral fehlgestellt, ist es sinnvoll, nicht nur im seitlichen Strahlengang zu röntgen, sondern auch eine Frontalaufnahme zu fertigen, die zeigt, inwieweit das Hufbein in der Hornkapsel auch seitlich verkippt ist. Hier sind dann Markierungen tangential an den Seitenwänden vonnöten.

1.  Rotation: Abwärts oder aufwärts? …oder beides?

Erkennbar sind Rotationen zunächst an der Winkeldifferenz zwischen Hufbeinrücken und Zehenwand des Hufes.

Bei der Hufbeinrotation oder Abrotation ist zusätzlich eine Brechung der gestreckten Zehenknochenachse zu erkennen, das Hufgelenk ist mehr oder weniger stark gebeugt.

keine gelungene Aufnahme, eine Brechung der Zehenknochenachse ist jedoch erkennbar

Wichtig hierzu ist es, dass das Tier bei der Aufnahme der Röntgenbilder, wie oben beschrieben, zumindest die Parallelgliedmassen gleichmässig belastet, denn ansonsten kann es sein, dass eine Beugung der Zehengelenke durch die Körperlast als Brechung der gestreckten Knochenachse und damit als Abrotation des Hufbeins fehlinterpretiert wird.
Deshalb sollten zum Einen beide Parallelgliedmaßen zum Röntgen auf gleich hohe Klötze gestellt werden, zum Anderen darf nicht die Parallelgliedmaße angehoben werden, um beispielsweise das Tier zum ruhig stehen zu zwingen, denn beides verfälscht die Knochenachse teils beträchtlich! Sehr wichtig zur Interpretation der Abrotation ist auch das Wissen um bereits zuvor bestehende Brechungen der Knochenachse, z.B. als Bockhuf ausgeprägt (sieht auf Röntgenbildern aus wie eine Abrotation des Hufbeins), es ist jedoch auch möglich bei einer zu flachen Stellung des Hufes mit entsprechend nach vorne gebrochener Zehenknochenachse=Hyperextension (hier kann eine „echte“ Abrotation dann wie ein normaler Verlauf der Zehenknochenachse aussehen…).

Die Aufrotation der Hornkapsel oder Wandrotation ist an der Winkeldifferenz zwischen Hufbein und Zehenwand erkennbar, wenn das Hufbein in gestreckter Lage zur restlichen Zehenknochenachse verläuft.

Aufrotation der Hornkapsel

Somit ist es u.U. nötig, den Gesamtbrechungswinkel aufzuteilen, falls bei abrotiertem Hufbein die gesamte Winkeldifferenz größer ist als die reine Abrotation.

Aufrotation der Hornkapsel

Beide Phänomene können am Rehehuf auftreten, sie tun dies oft in zeitlicher Abfolge: Im frühen chronischen Bereich rotiert zumeist das Hufbein ab, die Hornkapsel ist noch relativ stabil. Lediglich das weiche Wandhorn am Kronsaum gibt nach und sinkt in dem Bereich ein, in dem das Hufbein nach hinten unten wegrotiert.
Dieses Einsinken hat meist auch zur Folge, dass die Lederhautzotten, die für die Bildung des Wandhorns verantwortlich sind, aus ihrer parallel zum Hufbeinrücken verlaufenden Lage weggedrückt werden und auch nicht mehr gestreckt verlaufen.

Prinzipieller Aufbau des Saumes

Die stabilere Hornkapsel rotiert erst im weiteren Verlauf der Entwicklung des Rehehufes nach vorne oben auf, teils aufgrund der Verzerrung der Kapsel selbst, teils aber auch infolge der nicht mehr parallel zum Hufbein ausgerichteten Lederhautzotten im Saumbereich überhalb des rotierten Hufbeins, also im Verlauf des Nachwachsens der Hornkapsel. Beide Phänomene entstehen also aus denselben mechanischen Einwirkungen, jedoch zu meist unterschiedlichen Zeitpunkten, die Aufrotation ist beim Rehehuf eher als die Folge einer Abrotation denn unabhängig von ihr zu sehen.

Abrotation oder Aufrotation – relevant für den Huffachmann?

Die beiden Phänomene sind unterschiedlich zu betrachten und erfordern daher auch unterschiedliche orthopädische Maßnahmen am Huf selbst.
Der Abrotation kann nur aktiv entgegengewirkt werden, indem die Stellung des Hufbeins in der Knochenachse direkt verändert wird. In der Regel erfolgt dies durch Korrektur an den Trachten, die nach den röntgenologisch ermittelten Werten niedergeschnitten oder -geraspelt werden. Eine schnelle Anpassung der Trachtenhöhe ist jedoch nur bei Fällen möglich und sinnvoll, in denen die akute Phase noch nicht zu lange abgeschlossen ist.

Ansonsten muss die Trachtenhöhe mit aller Vorsicht und in kleinen Schritten angepasst werden, dabei muss immer die Vorspannung v.a. des Bandanteils der tiefen Beugesehne beachtet werden.
Auch bei Rehehufen, die künstlich hochgestellt wurden, ist ebenfalls bereits recht vorsichtig vorzugehen, weil sich die Bandstrukturen der tiefen Beugesehne durch den verringerten “Gegenzug” schon nach einer relativ geringen Zeitspanne verkürzt haben können!
Die Maßnahme des Trachtenkürzens wäre bei einer reinen Aufrotation der Hornkapsel kontraproduktiv, denn so würde die Knochenachse nach vorne gebrochen (Hyperextension im Hufgelenk), die Hufbeinäste und Hufknorpel würden zu hohen mechanischen Drücken ausgesetzt.
Hier ist also vor allem der aufrotierte Bereich der Hornkapsel, insbesondere die Zehenwand, von außen zu bearbeiten.

2. Hufbeinsenkung

Ungleich schwerer erkennbar als Rotationen sind Absenkungen des Hufbeins innerhalb der Hornkapsel, denn hier gibt es kaum absolut eindeutige, röntgenologische Nachweise. Dennoch sind einige Anzeichen recht sichere Indikatoren:
– parallel zur Wand verlaufende Hohlräume zwischen Hornwand und Hufbein.

– überdeutliche sogenannte “Rehestrecke” zwischen Kronsaum und oberem Ende des Hufbeins (Ansatzpunkt der Strecksehne – prozessus extensorius)

– auf dem Röntgenbild überproportional dick erscheinende Hufwand

Die beiden letzteren Anzeichen sind eindeutig jedoch nur dann zu bestimmen, wenn vom selben Pferd entweder Aufnahmen vom selben Huf vor der Hufrehe oder zumindest Aufnahmen von nicht betroffenen Hufen vorliegen. In recht vielen Fällen sind beispielsweise nur die Vorderhufe betroffen, die Hinterhufe des Tiers können dann zum ungefähren Vergleich herangezogen werden.

Die linke Aufnahme zeigt die große Differenz zwischen Hufwand- und Sohlenstärke,
die rechte einen sehr deutlichen, strichförmigen Hohlraum, wie er für Absenkungen typisch ist.

Schwieriger wird es jedoch, wenn entweder keine eindeutigen Indikatoren vorliegen oder sowohl eine Rotation als auch eine Absenkung des Hufbeins stattgefunden hat.
Denn hier vermischen sich die röntgenologischen Phänomene, beispielsweise bildet auch das abrotierte Hufbein eine Art Rehestrecke aus, die dann nicht mehr eindeutig einer Absenkung zuzuordnen ist.

3. Weitere röntgenologische Befunde am Rehehuf

Seltener bei Hufrehe ist das teilweise oder komplette Ausschuhen aus der Hornkapsel. Röntgenologisch sichtbar wird dies durch einen zunächst dünnen Strich, der entlang des Kronsaumes verläuft, ähnlich einer Hornkluft.

Der Pfeil deutet auf eine Abtrennung der Hornkapsel vom Kronsaum

Für die Behandlung des Rehehufes ebenfalls sehr wichtig ist die Hufhöhe insgesamt sowie die Sohlendicke unterhalb des Hufbeinrandes.
Insbesondere im weiteren, chronischen Verlauf der Hufrehe zeigen sich, abhängig von der Effektivität der orthopädischen Bearbeitung und der Umgebungs- und Hufhygiene, unter Umständen weitere, röntgenologisch sichtbare Phänomene.
Hohlräume innerhalb der Hornkapsel werden als dunkle Schattierungen dargestellt. Sie können auf die erfolgte Absenkung des Hufbeins schliessen lassen, aber auch auf Abszesse, die Auflösung des lamellären Keils etc…

Der Pfeil deutet auf eine Abszesshöhle hin

Klassische Anzeichen für eine mittel- bis längerfristige, fehlerhafte Behandlung des chronischen Rehehufes sind Veränderungen am Hufbein, zumeist im Bereich des vorderen Hufbeinrandes. Hier entstehen durch falsche Druck- und Zugverhältnisse Atrophien, die zum Um- oder Abbau des Knochens führen (Hutkrempenbildung, Osteomyelitis…).
Je nach Fortschreiten dieser Prozesse kann die Prognose zur Wiederherstellung eines gesunden, tragfähigen Hufes als eher ungünstig gesehen werden, bei sehr weit fortgeschrittenem Abbau des unteren Hufbeinbereiches auch ungünstig für die Fortsetzung einer Therapie insgesamt.

Sowohl Hutkrempe als auch Knochenauflösung sind hier gut sichtbar

Ebenfalls möglich, jedoch weniger in diesem Zusammenhang dokumentiert sind weitere mögliche Schäden im Zehenknochenbereich durch falsche Rehehufbehandlung, wie Arthrosen in den Zehengelenken, Zubildung von Knochenmaterial im Hufknorpelbereich bei falscher medio-lateraler Stellung des Hufbeins zur Hornkapsel.