7. Orthopädische Maßnahmen (Polster) mit Beschlag

Orthopädische Maßnahmen am Rehehuf II – Beschläge allgemein

In vielen Fällen ist es nicht möglich, eine schnelle Verbesserung der Hufsituation durch eine reine Barhufbehandlung zu erreichen, dies ist jedoch nötig, um so wenig bleibende Schäden wie irgend möglich zu riskieren. Denn insbesondere Vernarbungen im Wandlederhautbereich, die sich einerseits bereits im frühen chronischen Stadium, andererseits aber auch durch mechanische Überlastungen des geschädigten Hufbeinträgers bilden, führen zu einer dauerhaft verringerten Tragfähigkeit ebendieser Strukturen.

Als erste mögliche Maßnahme kann die bereits besprochene Unterpolsterung, die mittels Verband, Cast oder Schuh fixiert wird, dienen. Nachdem diese Maßnahmen aber über einen relativ langen Zeitraum bestehen bleiben müssten, um eine gute Wiederanbindung der Wand an das Hufbein zu schaffen (mindestens zwei Drittel bis drei Viertel der gesamten Wandlänge sind nötig, um eine einigermaßen sichere Tragfähigkeit herzustellen), können sich daraus wieder Probleme ergeben, die eine andere Lösung nötig machen:

– Verband: Ein Verband ist sehr aufwändig und nicht wirklich für vermehrtes Laufen geeignet, insbesondere auf abrasiven, harten Untergründen ist er eher ungeeignet.
Im akuten und frühen chronischen Bereich anwendbar.

– Castverband: Auch er ist nicht allzu abriebfest, außerdem führt er bei längerfristiger Verwendung aufgrund seiner starren Form, vor allem im Wandbereich, zu einer Einschnürung der Hornkapsel und damit negativen Veränderung der Hufform.
Er sollte längstens zwei bis drei Wochen am Huf verbleiben, danach muss er abgenommen und erneuert werden. Jedoch auch bei der Einhaltung kurzer Wechselintervalle hat sich allgemein eine langsame Verschlechterung der Hufform gezeigt, sodass auch diese Maßnahme nicht als langfristige geeignet erscheint. Im akuten Stadium der Hufrehe ist er außerdem ebenfalls nicht anzuraten, da das Entfernen des Casts für den Fall, dass sich die Maßnahme als nicht zielführend erweisen sollte oder z.B. die Polsterung verändert werden muss, relativ aufwändig und u.U. für das Tier wieder schmerzhaft ist.

Hufschuh: Kann durchaus längerfristig angewandt werden, jedoch nicht dauerhaft. Das heißt, zumindest zeitweise muss der Schuh entfernt werden, insbesondere, um Fäulnisvorgänge zu vermeiden. ist dann sinnvoll, wenn sichergestellt werden kann, dass der Besitzer oder Betreuer des Tieres Polster und Schuh regelmäßig revidiert.
Sinnvoll neben Akutbehandlung (hier: Problem der schnellen Beschaffung!) beispielsweise bei nicht allzu schlimmen Fällen chronischer Hufrehe, wenn das Tier über Nacht in eine tief eingestreute Box verbracht werden kann, in der es auch ohne Polster und Schuh ausreichend gestützt wird. Außerdem muss sichergestellt sein, dass sich das Tier während dieser Zeit ruhig verhält.
Und selbstverständlich muss der Schuh passen, ansonsten kann auch ein über längere Zeit am Huf verbleibender Schuh zu Deformierungen der Hornkapsel führen!

Sind die beschriebenen Maßnahmen nicht möglich oder besteht eine zu gravierende Schädigung, sollte der Huf während der Rekonvaleszenz Phase mit einem Rehebeschlag möglichst effektiv geschützt und gestützt werden.
Ebenfalls problematisch ist eine Barhufbehandlung bei im Verhältnis zur Hufgröße zu schweren Tieren, bei relativ steiler natürlicher Hufwinkelung und vor allem auch bei bereits länger bestehender, chronischer Rehe mit entsprechenden Schäden.

Nachdem es sehr viele unterschiedliche Theorien dazu gibt, wie ein solcher Rehebeschlag aussehen sollte, haben wir im Rahmen unserer Meßarbeiten auch unterschiedliche, oft verwendete Polster- und Schutzmaßnahmen auf ihre Effektivität hin geprüft. Dazu wurde an einer Anzahl Kadaverhufen eine Auftrennung zwischen Huf(zehen-)wand und Wandlederhaut vorgenommen, ähnlich der Zerstörung des Hufbeinträgers bei Hufrehe. Anschließend wurde jeder Huf mit den jeweiligen Polstern bzw. Beschlägen versehen und die Kraft gemessen, die bei entsprechender Belastung der Gliedmaße auf die Hufbeinspitze einwirkte.
Dabei wurde berücksichtigt, dass Abstützungsmaßnahmen im Bereich direkt unterhalb und vorderhalb des Hufbeinrandes unterbleiben müssen, um hier nicht zu den bereits besprochenen Irritationen und Quetschungen der Sohlenlederhaut mit allen negativen Folgen zu führen. Das hat auch zwingend zur Folge, dass starre Beschläge nicht in diesen Bereichen zu liegen kommen dürfen. Das wäre beispielsweise dann der Fall, wenn bei relativ flacher Sohle die Schenkelenden eines zehenoffenen Beschlages zu weit nach vorne gezogen sind und sowohl auf dem Tragerand als auch dem Sohlenrand vorderhalb des Hufbeins aufliegen.

Folgende Messergebnisse wurden dabei erzielt:

Messungen unterschiedlicher Hufschutzmaßnahmen
  • M1 Barhuf ohne weitere Maßnahmen
  • M2 Zehenoffener Metallbeschlag, Einlegesohle (Luwex), Knetpolster bis Strahlspitze M3 Zehenoffener Metallbeschlag, Einlegesohle (Luwex), Knetpolster, Steg auf
    Strahlmitte
  • M4 Barhuf, Knetpolster mit hohem Überstand über Tragerand (ca. 1cm)
  • M5 Zehenoffener Metallbeschlag, Einlegesohle (Luwex), Knetpolster, Steg auf Strahlspitze
  • M6 Barhuf, Knetpolster mit mittlerem Tragerandüberstand (ca. 3mm) M7 Barhuf, Knetpolster tragerandeben
  • M8 DUPLO – Rehe Beschlag (gleiche Konstruktion wie reCarbon – Rehebeschlag) mit Knetpolster
  • M9 Barhuf, Knetpolster keilförmig (Trachtenerhöhung)

In einer früheren Messreihe wurde ein relativ starrer Kunststoffbeschlag mit herzförmigem Steg ebenfalls gemessen, er lag von den Werten zwischen M2 und M3. Nachdem jedoch hier keine statistisch relevante Anzahl von Messungen vorliegt, wurde dieser Beschlag nicht weiter berücksichtigt.

Einige Bilder zu den Messungen

Die Messungen haben also gezeigt, dass:

– reine Unterpolsterungen aufgrund ihrer flächigen Belastung recht effektiv sind. Die Grenzen dieser Behandlungsart wurden jedoch bereits aufgezeigt.

– Polsterbeschläge ohne Steg oder mit einem Steg, der relativ weit hinten angebracht ist, recht wenig effektiv sind. Leider wird beispielswiese der sehr wenig wirksame Beschlag mit strahlmittig positioniertem Steg nach wie vor sehr häufig propagiert…

– je weiter der Steg nach vorne gelegt ist, desto effektiver stützt der Beschlag die Hufsohle und damit auch das Hufbein.

Besonders effektiv wirkt ein solcher Stegbeschlag, wenn der Steg der Form des Hufbeins nachempfunden ist (halbrund), denn so kann er relativ weit nach vorne gezogen werden, ohne bereits zu Drücken unter dem Hufbeinrand zu führen. Denn auch im seitlichen Hufbeinrandbereich kann es zu solchen Drücken kommen, wenn hier relativ punktuell Druck ausgeübt wird.

besonders effektiver Rehebeschlag

Aber auch bei solchen Beschlägen sind Grenzen gesetzt. Es ist insbesondere in jedem Einzelfall zu prüfen, wie empfindlich die Hufsohle ist, entsprechend muss die Position des Steges und eine mögliche Vorspannung und Härte des Polsters variiert werden.
Es versteht sich von selbst, dass ein guter Rehebeschlag gute Röntgenbilder voraussetzt, die ein genaues, zielführendes Arbeiten erst ermöglichen!

Noch einige allgemeine Punkte zur Rehehufbehandlung:

In der Regel wird der Huffachmann versuchen, auf eine “Normalisierung” der Hufe, insbesondere bezüglich Form und Stellung, hinzuarbeiten.
Ausnahmen hiervon sind die bereits genannte Verkürzung der tiefen Beugesehne und vor allem auch Schädigungen am Hufbein selbst, die immer zu einer dauerhaft verminderten Belastbarkeit der Hufe führen. Im Extremfall kann es nötig sein, beispielsweise einen künstlich hergestellten Bockhuf dauerhaft als solchen zu belassen, um nicht immer wieder durch den überhöhten Zug der tiefen Beugesehne den Hufbeinträger zu zerstören.

Im Zweifel ist auf Erhalt des Status quo und minimale Symptomatik hinzuarbeiten!

Beklebung mit stützendem Polster

Abhängig vom Schweregrad der akuten Reheerkrankung, der mehr oder weniger optimalen orthopädischen Versorgung der Rehehufe und vielen weiteren Faktoren, wie der Unterbringung des Tieres oder auch zu früher reiterlicher Nutzung, verbleibt in nahezu allen Fällen eine Schädigung der Wandaufhängung, mehr oder weniger gravierende Narben an der Wandlederhaut. Sie manifestieren sich äußerlich sichtbar in einer „rauhen“ Zona Alba, auch wenn diese wieder komplett geschlossen erscheint.
Umso wichtiger ist das richtige Management der Behandlung des Tieres, um solche chronischen Schädigungen so gering wie möglich zu halten!

Ein wichtiges Thema ist deshalb auch der richtige Zeitabstand zwischen den einzelnen Hufbearbeitungsterminen. Es hat sich in der Praxis erwiesen, dass, je nach der jeweiligen Bearbeitungsmethodik, Zeitabstände zwischen etwa 2 und höchstens 5 Wochen sinnvoll sind, um einen möglichst linearen Heilungsverlauf zu gewährleisten.
Leider ist es nicht allzu selten der Fall, dass sich die Besitzer von Rehe Pferden zunächst sehr genau an solche Intervalle halten, sobald das Tier jedoch symptomfrei ist, den Sinn solch häufiger Behandlungen nicht mehr einzusehen vermögen. Oft führen die dann zu langen Abstände zwischen den einzelnen Bearbeitungsterminen zu erneuten Schädigungen des Hufbeinträgers, die umso schwerer rückgängig zu machen sind.

Es ist also enorm wichtig, sich als Pferdebesitzer bereits vor Beginn der ersten Behandlung die entsprechenden Zusammenhänge vor Augen zu führen!

Für Huffachleute durchaus sinnvoll erscheint es, solche Fälle abzulehnen, in denen die entsprechende Behandlung sowie die Mitarbeit des Besitzers und anderer mitbetreuender Personen nicht gewährleistet werden kann.
Denn nicht selten wird der Huffachmann dann für Fehlschläge verantwortlich gemacht, für die eigentlich die anderen handelnden, oder vielmehr eben nicht ausreichend handelnden Personen verantwortlich zeichnen…

Zur (reiterlichen) Belastung von Rehe Pferden:

In vielen Fällen wird eine echte Heilung des Rehe Hufes verunmöglicht, da durch zu frühe reiterliche Belastung der geschwächte Trageapparat der Hufwand immer wieder aufs Neue mechanisch geschädigt wird.
Es bildet sich ein dauerhafter lamellärer Keil oder eine irreversible Senkung aus, die u.U. dauerhafte, auch finanziell aufwändige Stützmaßnahmen für das Hufbein erforderlich machen.
Solche Tiere bleiben ein Leben lang „Pflegefälle“, die nicht mehr oder nur noch eingeschränkt nutzbar sind.
Deshalb ist es sinnvoll, zumindest solange keine zusätzliche Belastung aufs Tier zu bringen, bis die Rehefolgen am Huf zu mindestens zwei Dritteln nach unten durchgewachsen sind.

Sich diese möglichen Folgen deutlich vor Augen zu führen hilft meist recht effektiv, den richtigen Umgang mit dem kranken Tier zu fördern.