Huferkrankung REHE

Grundgedanken über Hufrehe, Definition, Phasen

(Autor: Wolfgang Busch, redigiert von Christian Roncassaglia)

Um sowohl Pferdebesitzern als auch den Fachleuten am Huf mehr als nur einen kurzen Einblick in die komplexe Situation des Rehehufes zu ermöglichen, haben wir hier die Niederschrift einer der Fachveranstaltungen des Autors zum Thema für Sie aufbereitet.
Wir hoffen, Ihnen damit etwas helfen zu können, gemeinsam mit Ihren Fachleuten vor Ort die richtigen Entscheidungen zum Wohle Ihres Tieres zu treffen.

“Rehe”: Allgemein klassifiziert als nicht eitrige, exsudative Lederhautentzündung (Entzündung der Wandlederhaut mit Absonderung von Gewebsflüssigkeit und teils auch Einblutungen, aber ohne Beteiligung von Eitererregern

Hufrehe kann nach wie vor als eine der schlimmsten und am weitesten verbreiteten Erkrankungen des Pferdes gelten. Und nach wie vor gehen an dieser Krankheit jedes Jahr tausende Tiere zugrunde.
Dabei lässt sich beobachten, dass die Rehefälle infolge sogenannter Grunderkrankungen wie dem Equinen Cushing Syndrom (ECS) oder dem Equinen Metabolischen Syndrom (EMS) scheinbar stark zunehmen, zumindest aber vermehrt beschrieben werden.

Araber – Halbblut, etwas unkenntlich

 

Daß die genannten Grunderkrankungen oft mit der Tatsache zusammenhängen, daß in vielen solcher Fälle eine längerfristige Überversorgung der Tiere mit Nahrung bei gleichzeitiger “Unterversorgung” mit Arbeit stattfand, sollte dringend im Auge behalten werden, um überhaupt zielführend am Huf arbeiten zu können.
Denn alleine beispielsweise zu hohes Gewicht des zu behandelnden Tieres, kann die Bemühungen am Huf mehr oder weniger komplett zunichte machen und muss demzufolge in die Überlegungen zur richtigen Behandlung des Rehehufes mit einfließen.

Genauso wie neben der richtigen Interpretation der sichtbaren Phänomene am Huf selbst auch das „Lesen können“ von Röntgenbildern immens wichtig ist, beides Fähigkeiten, die neben den handwerklichen Fertigkeiten Ihres Fachmenschen am Huf essentiell sind für die richtige Behandlung der betroffenen Hufe.

Die hier beschriebenen Interpretationen und Handlungsweisen gehen nicht unbedingt mit dem derzeitigen schulwissenschaftlichen Kenntnisstand und ihren Methoden konform, sie sind jedoch ausnahmslos in der eigenen Praxis erprobt und, zumindest fallbezogen, empirisch erwiesen.

Viel “offizielles” Wissen ist wissenschaftlich noch nicht so richtig erwiesen, und vieles erweist sich im Laufe der Zeit als falsch oder zumindest nur eingeschränkt gültig.

…wie auch jede andere Art der Erkenntnis…

Und demzufolge sind auch die nachfolgenden Gedanken nicht als allgemein gültig und auf jeden Fall übertragbar anzusehen.

 

1. Vorgänge bei Hufrehe

Es ist zunächst wichtig, sich die zeitlich klar voneinander abgegrenzten Vorgänge im Huf zu verdeutlichen, die zu den orthopädischen Folgen führen, die wiederum geeignete Gegenmaßnahmen erfordern.

Die Initialphase oder vor-akute Phase der Hufrehe:

– die Mechanismen, die nach den jeweiligen Entstehungstheorien zur akuten Rehe führen, finden hier statt: Minderdurchblutung (Theorie der Ischämie), Überschwemmung der Lederhautkapillaren mit Enzymen, die die Wand vom Hufbein lösen (Matrix-Metallo- Proteinasen-Theorie)…

– noch nicht schmerzhaft

– Temperaturmuster am Huf sichtbar: erwärmter Kronsaum mit zungenförmiger Erwärmung der Seitenwände.

 

Temperaturmuster in der vorakuten Phase

Die akute Phase der Hufrehe:

– Ausprägung der eigentlichen Hufrehe: allgemein klassifiziert als nicht eitrige, exsudative Lederhautentzündung (Entzündung der Wandlederhaut mit Absonderung von Gewebsflüssigkeit und teils auch Einblutungen, aber ohne Beteiligung von Eitererregern), Zerreißung der “Basalmembrane” (=Grenzschicht zwischen Lederhaut und Horn), dadurch Loslösung der Hornwand von der Wandlederhaut in bestimmten Bereichen:

– bei geringgradiger Erkrankung v.a. im Zehenwandbereich

– bei hochgradigen Erkrankungen im gesamten Wandbereich

Querschnitt Huf
Querschnitt Huf – Detailansicht

– Temperaturbild ähnlich wie in Initialphase, je nach Schweregrad stärker erwärmt…

– Pulsation der Zehenarterie

– schmerzhaft bis höchstgradig schmerzhaft:

– Lahmheitserscheinungen insbesondere: Trachtenfußung – Wendeschmerz

– Ausprägung der rehetypischen Gliedmaßenstellung:

Bei akuter Rehe nur an den Vorderhufen Vorstellen der Schultergliedmaßen, wechselseitiges Entlasten der betroffenen Gliedmaßen, Unterschieben der Beckengliedmaßen

Bei akuter Rehe an allen vier Hufen wechselseitiges Entlasten aller Gliedmaßen, vermehrtes Liegen

– wichtiger Punkt: Klopfempfindlichkeit an der Hufwand! Eine akute Hufrehe (=Wandlederhautentzündung) ruft auch an der Wand entsprechenden Schmerz hervor, die Druckempfindlichkeit der Hufsohle hingegen ist eine Folge der mechanischen Vorgänge im Huf infolge der akuten Hufrehe!

Deshalb ist der mechanische Test für akute Hufrehe v.a. ein Perkussionstest an der Zehenwand!

Perkussionstest

Bei Ersterkrankung an Hufrehe ist zunächst ausschließlich die Wand schmerzempfindlich, eine Druckempfindlichkeit der Hufsohle liegt hier zumeist noch nicht vor. Entsprechend ist ein Zangendrucktest auch nicht allzu aussagefähig… Ausnahme: Wiederholungserkrankung. Hier sind oftmals die orthopädischen Folgen der Rehe- Ersterkrankung in Form einer druckempfindlichen Sohle zu spüren.

Zangendrucktest

Findet kein differenzierter mechanischer Test statt, wird auch bei rein mechanischen Verlagerungen des Hufbeins infolge akuter Rehe, aber nach dem Abklingen der eigentlichen Wandlederhautentzündung, entsprechend häufig das Hauptaugenmerk wieder auf die medizinische Versorgung akuter Hufrehe gelegt und die Beseitigung der eigentlichen Ursache der Reizung in Form einer möglichst optimalen Lastverteilung an der Hufsohle mit entsprechender Entlastung der betroffenen Sohlenbereiche (v.a. an der “Hufbeinspitze” = vorderer Hufbeinrand) vernachlässigt.
…Was dann zu einem echten Teufelskreislauf in Form einer stetig wiederkehrenden Fehldiagnose mit entsprechender Fehlbehandlung und dabei Aufrechterhaltung der eigentlichen Reizung durch hier ungeeignete Maßnahmen (insbesondere die Trachtenhochstellung) führen kann.
Und leider hat dies nicht selten nach mehr oder weniger ausgeprägtem Leidensweg vor allem für das Tier, aber auch den Besitzer, die Euthanasie des Tieres zur Folge, weil man ja “die Rehe nicht in den Griff bekommt”!

 

Die chronische Phase der Hufrehe:

Sie beginnt bereits mit den ersten Veränderungen der Position des Hufbeins in der Hornkapsel, sei es nun eine (Ab-)Rotation oder eine Absenkung. Diese Phänomene können bereits nach einigen Stunden der akuten Phase eintreten!

– im Frühstadium noch akutes Schmerzgeschehen (Wandlederhaut), bei mangelnder Hufbehandlung im weiteren Verlauf vor allem an der Sohlenlederhaut

– röntgenologisch erkennbare Veränderungen

– sie endet nicht mit Abklingen der Symptomatik, sondern dauert an, bis die orthopädischen Folgen der Hufrehe beseitigt sind.

– aufgrund der sehr häufig auftretenden Vernarbungen insbesondere im Wandlederhautbereich, also der Rückbildung feiner und feinster Blättchen und Vernarbungen an der Basalmembrane ist eine hundertprozentige Wiederherstellung der Verbindung Wandlederhaut – Hufwand zumeist nicht mehr zu erwarten. Man sollte sich also weder durch das Abklingen der Schmerzsymptomatik noch, im weiteren Verlauf einer orthopädischen Behandlung, durch eine gelungene Rückführung der weißen Linie auf Normalbreite dazu verführen lassen, zu meinen, die Rehe sei komplett geheilt!
Es ist vielmehr ein Pferdeleben lang besonderes Augenmerk auf solche Hufe zu legen, um negative Veränderungen schnellstmöglich zu erkennen und angemessen handeln zu können!

Querschnitt Lederhaut Detailansicht

Insofern erscheint es durchaus als sinnvoll, solche Hufe auch ein Leben lang als “chronische Rehehufe” zu bezeichnen, auch wenn sie wieder nahezu volle Belastbarkeit erlangt haben.